• 23. Juli 2021 18:08

Pendelnde und Elbbrücke

Jul 30, 2020
Dömitzer Elbbrücke

Die Brückenbefürwortenden führen als Argument für die Notwendigkeit einer dritten Elbbrücke oft die längeren Fahrzeiten der Pendler durch Wartezeiten bei der Fähre oder Umwege bei Ausfall der Fähren an.

Es ist richtig: Die Fahrt zur Arbeit mit der Fähre dauert etwas länger als über eine Brücke. Aber wenn man die Schäden, die diese Brücke und die zuführenden Straßen der Umwelt, den anliegenden Gemeinden, dem Klima, der Gesundheit der Menschen und dem Geldbeutel der kostentragenden Kreise dagegenrechnet, dann schmelzen diese paar Minuten auf ein Nichts zusammen.

Im Gegenteil: Wenn die Pendler die Maximalwartezeit von 21 Minuten, die sie eher selten warten müssen, tatsächlich eher losfahren, dann haben sie in der Regel eine entspanntere Fahrt zum Arbeitsplatz, weil sie einen zeitlichen Puffer für nicht kalkulierbare Verzögerungen auf dem Rest der Strecke haben.

Zudem fällt bei der Frage der Notwendigkeit einer Brücke auch die Anzahl der Pendler ins Gewicht. 10.000 Pendler am Tag wären schon eine Größe, bei der man langsam darüber nachdenken könnte. Bei 500 dann eher nicht.

Wir haben uns bemüht, die Fahrzeiten für wichtige Fahrziele in der Region mit Google Maps zu ermitteln und auch die Anzahl der Pendler in die linkselbischen Ziele näherungsweise zu bestimmen. Dabei haben wir auf eine vom Landkreis Lüneburg 2016 in Auftrag gegebene Untersuchung zurückgegriffen. Die Zahlen sind von 2015 (Tendenz fallend).

Fahrzeiten von Amt Neuhaus in die linkselbischen Landkreise LG und DAN

Als einheitlicher Abfahrtsort wird das “Haus des Gastes” in Neuhaus angenommen. Je nachdem wo der tatsächliche Abfahrtspunkt in der Gemeinde Amt Neuhaus liegt, verkürzt oder verlängert sich – auf allen Strecken – die Fahrzeit um einige Minuten.

Tabelle Fahrzeiten aus Gemeinde Neuhaus

Zur Erläuterung:
Die Fahrzeiten wurden mit Google-Maps ermittelt. Je nachdem, wie die aktuelle Verkehrslage ist, können sich die Ergebnisse um einige Minuten ändern.
Vom Haus des Gastes bis zu Fähre Darchau rechnet Google 8 Minuten. Angemessener erscheinen mir 6 Minuten. Für die Überfahrt mit der Fähre nimmt Google 21 Minuten an. Das ist aber die Maximalzeit fürs Warten und die Überfahrt, wenn die Fähre gerade ohne einen selbst abfährt. Die Überfahrt selbst dauert 5 Minuten zuzüglich jeweils 1 Minute fürs “Entladen” und “Beladen” der Fähre. Die Minimalzeit für die Überfahrt – ohne Wartezeit – dauert damit 7 Minuten. Da man im Durchschnitt nur selten keine oder die Maximalwartezeit hat, wird sich die Warte- und Überfahrtszeit im Mittelwert um 14 Minuten einpendeln. Auch bei der Fähre Bleckede nimmt Google die gleiche Warte- und Überfahrtszeit von 21 Minuten an.
Die 47 Minuten von Neuhaus bis Lüneburg Rathaus über die geplante Brücke Darchau – Neu Darchau, die sich durch Subtraktion der Durchschnitts-Fährenwartezeit ergibt, sind sehr optimistisch. Die Realfahrzeit von Neu Darchau nach Lüneburg Rathaus beträgt bei verkehrsgerechtem Fahren ca. 45 Minuten. Zuzüglich 6 Minuten von Neuhaus bis zur Brücke ergäben sich also 51 Minuten Fahrzeit. Die zeitliche Einsparung bei der Fahrt über die geplante Brücke bei Neu Darchau gegenüber der Fähre bei Neu Darchau betrüge nur 10 Minuten genau wie die Fahrt über die Lauenburger Brücke.

Auswertung:
Wir können sehen: Bei allen aufgeführten Zielen wäre die Fahrt von Neuhaus über die geplante Brücke die schnellste Strecke (grüne Felder). Allerdings liegt die Zeitdifferenz zur zweitschnellsten Strecke (gelbe Felder) nur zwischen 4 und 14 Minuten. Bei diesem geringen Zeitvorteil ist zu überlegen, ob das private Interesse der Pendler aus dem Amt Neuhaus auch im öffentlichen Interesse ist. Zumal der Ausfall beider Elbfähren gleichzeitig in den letzten drei Dekaden sehr gering war. Fielen beide Brücken gleichzeitig aus, würde die Fahrzeit zu den aufgeführten Zielen zwischen 40 und 62 Minuten betragen.

Zum Vergleich die benötigte Zeit zu Zielen, bei denen keine Elbbrücke benötigt wird:

ZielortZeitEntfernung
Hamburg (Jenfeld)66 Minuten92,8 km
Hagenow30 Minuten30,0 km
Schwerin60 Minuten67,5 km
Ludwigslust39 Minuten42,9 km

Pendler*innenzahlen aus dem Amt Neuhaus

Die aus 2009 stammende Verkehrsuntersuchung und -prognose der GVS (Gesellschaft für Verkehrsberatung und Systemplanung mbH) im Auftrag des Landkreises Lüneburg ermittelte eine Verkehrsstärke von 600 PKW und 50 LKW pro 24 Stunden für das Untersuchungsjahr. Beim Beibehalten einer Brücke in Darchau/NeuDarchau wurden für das Jahr 2025 700 PKW und 40 LKW pro 24 Stunden prognostiziert, also eine leichte Erhöhung der PKW und eine leichte Reduzierung der LKW.

Diese Zahlen beinhalten nicht nur zur Arbeit Pendelnde, sondern auch einmal oder sporadisch Reisende (beruflich oder privat), das heißt, dass die Zahl der täglich zur Arbeit Pendelnden geringer ist. Wie hoch sie annähernd ist, kann man einer weiteren Untersuchung, die der Landkreis Lüneburg 2016 vorlegte, entnehmen:

Potenzialanalyse und Entwicklungskonzept für die Gemeinde Amt Neuhaus 2016

Hinweis vorweg: Leider kann man der obigen Studie nicht genau entnehmen, wieviel Pendelnde aus dem Amt Neuhaus genau in das linkselbische Gebiet fahren und auf die beiden Fähren als schnellste Strecke angewiesen sind. Die Zahlen liegen wahrscheinlich um 500 Personen.

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte Gemeinde Am Neuhaus gesamt1.832
beschäftigt in der Gemeinde 485
zur Arbeit Pendelnde insgesamt1.347
Pendelnde in den Landkreis Ludwigslust-Parchim516
Pendler in Nachbargemeinden des Landkreises Lüneburg289
Pendelnde nach Hamburg133
Pendelnde nach Schwerin59
Stand der Erhebung Juni 2015

Die wichtigsten Arbeitsorte linkselbisch (auf Brücke oder Fähre angewiesen):

Stadt Lüneburg: 119, Bleckede: 57, Dannenberg: 33 (hierhin kommt man am schnellsten über die Dömitzer Elbbrücke).

“Seit 2009 hat sich insbesondere die Zahl der Auspendler aus der Gemeinde Amt Neuhaus in die übrigen Städte und Gemeinden des Landkreises Lüneburg reduziert (-93 Personen, -24,3 %).“

(Potenzialanalyse s. o., S. 72)

“Die Pendlerbeziehungen des Amtes Neuhaus konzentrieren sich auf die Gebiete und Arbeitsmärkte östlich der Elbe. Die Elbe wirkt offensichtlich als Barriere, denn nur 19% der Arbeitsorte der SVP Beschäftigten aus dem Amt Neuhaus befinden sich im restlichen Kreisgebiet Lüneburg und nur 4% in Lüchow-Dannenberg.”

In: Georg & Ottenstroer, Regionalwirtschaftliche Auswirkungen der neuen Elbbrücke bei Neu Darchau. Schlussbericht 11.11.2011, S. 7

Bezogen auf die 1.832 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Amt Neuhaus 2015 wären das 421 über die Elbe pendelnde Beschäftigte. Rechnet man dazu noch einige geringfügig Beschäftigte und die Schüler*innen hinzu, kommt man auf 500 bis 600 Pendelnde.

Wenn wir uns die geringe Zahl der zur Arbeit Pendelnden aus dem Amt Neuhaus in das linkselbische Gebiet zusammen mit dem geringen Maß an Zeitersparnis durch eine dritte Elbbrücke in der Region ansehen, müssen wir zu dem Ergebnis kommen, dass diese Brücke nicht im öffentlichen Interesse sein kann.

Interessante Ausführungen und eine Diskussion zur Zahl der Pendelnden aus der Gemeinde Neuhaus finden sich auch im Blog des Lüneburger Journalisten Hans-Herbert Jenckel vom 31. Juli 2020.

Pendelnde Schüler*innen aus dem Amt Neuhaus

„Die nächstgelegene gymnasiale Oberstufe ist das Gymnasium Bleckede auf der linkselbischen Seite. Auf der rechtselbischen Seite besteht die Möglichkeit, das Elbe-Gymnasium in Boizenburg/Elbe oder das Gymnasiale Schulzentrum “Fritz Reuter” in Dömitz zu besuchen. Letzteres wird insbesondere von den Schülern aus Tripkau besucht. Beide Schulen gehören jedoch zum Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Für die Nutzung der Schulen im Nachbarlandkreis zahlt der Landkreis Lüneburg einen Lastenausgleich pro Schüler. Um die Schule in Boitzenburg/Elbe oder Dömitz besuchen zu können, sind seitens der Schüler bestimmte Leistungen erforderlich, die der Landkreis Lüneburg festsetzt.
Die nächstgelegenen berufsbildenden Schulen befinden sich in Lüneburg und Parchim, wobei das Regionale Berufliche Bildungszentrum Parchim Außenstellen in Ludwigslust und Hagenow unterhält.“

(Potenzialanalyse … s. o., S. 56)

Ca. 80 Schüler*innen pendeln zu den weiterführenden und Berufsschulen mit den Fähren über die Elbe. Es könnten deutlich weniger sein, wenn der Landkreis Lüneburg den Besuch der Gymnasien in Boizenburg und Dömitz nicht an einen bestimmten Notendurchschnitt koppeln würde.

Die noch deutlich geringere Zahl von zur Arbeit Pendelnden aus dem linkselbischen Gebiet in das Amt Neuhaus ist bei dieser Betrachtung vernachlässigbar.